Mittwoch, 7. Februar 2007

Heroinambulanzen in Großstädten

Großstädte verabschieden Resolution:

Städte kämpfen weiter für Heroinambulanzen

Die sieben Großstädte, die seit 2002 unter medizinischer Aufsicht Heroin an Schwerstabhängige vergeben, wollen den Druck auf die Koalition erhöhen. Das Modellprojekt läuft bis Ende Juni, danach droht ihm das Aus. Vor allem die Unionsfraktion im Bundestag ist gegen eine Verlängerung. Dabei waren die ersten Ergebnisse positiv.


Macht sich der Staat zum Dealer, wenn er Schwerstabhängigen Heroin als Therapeutikum verabreicht, oder geht er damit hierzulande bis dato unbeschrittene Wege in der Drogentherapie? Diese Argumente markieren grob die Trennlinie zwischen Kritikern und Befürwortern der so genannten Heroinstudie, an der seit knapp fünf Jahren Hamburg, Frankfurt, München, Köln, Hannover, Bonn und Karlsruhe teilnehmen.

Die Frontlinie verläuft vor allem quer durch die Union: Für die Weiterführung der so genannten Heroinstudie ist die Freigabe von synthetisch hergestelltem Heroin, Diamorphin, als Medikament notwendig. Die Bundestagsfraktion von CDU und CSU stimmte im vergangenen November dagegen.

Die Behandlung mit Diamorphin sei dreimal teurer als mit dem Ersatzstoff Methadon, zudem gäbe es unter Fachleuten Zweifel, ob Diamorphin tatsächlich in manchen Fällen die bessere Lösung sei, sagt die drogenpolitische Sprecherin der Union, Maria Eichhorn (CSU). Umso weniger vertretbar sei da die Diamorphin-Behandlung. "Wir haben gerade die Verhandlungen über die Gesundheitsreform hinter uns. Wie sollen wir den Bürgern erklären, dass wir die Krankenkassen mit solchen Mehrkosten belasten?", so Eichhorn gegenüber tagesschau.de.

Heroin als Mittel gegen Heroin?

Mit der Heroinstudie will man herausfinden, ob sich Diamorphin in bestimmten Fällen besser in der Therapie bewährt als der Ersatzstoff Methadon. Die Teilnehmer der Studie spritzen sich dreimal täglich unter ärztlicher Aufsicht Diamorphin in individuellen Dosen. Außerdem werden sie psycho-sozial betreut. Sie sind schwerstabhängig, also seit vielen Jahren süchtig und haben mehrere Entziehungskuren erfolglos absolviert.

Derzeit nehmen bundesweit noch rund 300 Süchtige teil. Eine Kontrollgruppe bekommt parallel den Ersatzstoff Methadon verabreicht. Wissenschaftlich begleitet wird die Untersuchung vom Hamburger Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS).

Auf die Ergebnisse des ZIS, präsentiert im vergangenen Jahr, und auf seine persönlichen Erfahrungen mit dem Projekt stützt sich der Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich, wenn er die Argumente von Eichhorn und anderen Kritikern als solche "aus der Mottenkiste und wider besseres Wissen" bezeichnet: "Die Studie macht es deutlich und wir erleben es hier seit vier Jahren: Wir erreichen Menschen, an die wir vorher nicht mehr herangekommen sind."

"Argumente aus der Mottenkiste"

Pikant: Fenrich gehört zur CDU und damit zu einer Reihe von Unionspolitikern, die sich gegen die Linie der Bundestagsfraktion stellen. Hamburgs Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram, ebenfalls CDU-Mitglied, hat bereits eine Bundesratsinitiative angekündigt, sollten alle Bemühungen scheitern, doch noch die nötigen Gesetzesänderungen im Bundestag zu erreichen.

Tatsächlich verbesserte sich laut dem ZIS der gesundheitliche Zustand der Diamorphin-Konsumenten: Der Konsum von so genanntem Straßenheroin ging zurück, ebenso die Beschaffungskriminalität und der Konsum anderer Drogen. Sie schnitten in diesen Bereichen und damit insgesamt deutlich besser ab als die Kontrollgruppe, die parallel mit Methadon versorgt wird: Nach einem Jahr hatten über zwei Drittel von ihnen die Therapie abgebrochen, dagegen nur ein Drittel der Heroinpatienten.

Der Großteil derer, die die Heroingruppe verlassen hatten, brachen die Therapie nicht ab, sondern entschieden sich für eine andere Form, etwa in die Behandlung mit dem in seiner Wirkung schwächeren Methadon. Acht Prozent hatten sich aber auch in eine "Abstinenztherapie" begeben, versuchten also ein Leben völlig ohne Ersatzstoffe.

"Die Union argumentiert ideologisch"

Seriöse Fakten, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD): Keine vergleichbare Untersuchung sei dermaßen breit angelegt wie die Heroinstudie, faktisch so aussagekräftig - und trotzdem so umstritten: "Bisher führt die Union mehr eine ideologische als eine fachliche Diskussion." Selbst das finanzielle Argument werde durch Fakten wie dem Rückgang der Kriminalität entkräftet. "Wir sprechen dann unter dem Strich von 2000 Euro pro Patient und pro Jahr mehr", sagt sie. In Einzelfällen sei es tatsächlich sinnvoller, Heroin statt Ersatzstoffe zu verabreichen, sagt Bätzing - "natürlich immer mit dem Ziel, die Patienten ganz von den Drogen wegzubekommen".

Viele Süchtige kämen mit den Nebenwirkungen des Methadons nicht zurecht, außerdem verschaffe der Stoff nicht denselben "Kick" wie Heroin, sagt Bätzing. Teilnehmer der Heroinstudie in Karlsruhe hätten ihr gesagt: "Wenn ich ab Juli wieder Methadon nehmen muss, stehe ich früher oder später wieder auf der Straße."

Von Nicole Diekmann

Quelle: Tagesschau

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